Ist uns Qualität weiterhin wichtig genug? Ein paar Eindrücke.
Qualität ist die wesentliche Voraussetzung für den Projekt- und Produkterfolg. Ohne Testen der Anforderungen und Features von Systemen kann auch in Zukunft in der Software-Entwicklung keine akzeptable Qualität erreicht werden. Laut aktuellen Ergebnissen aus der Softwaretestumfrage von 20241 treten nach der Auslieferung des Produktes an den Kunden nur bei der Hälfte der befragten Umfrageteilnehmer keine schwerwiegenden Fehler auf. Bei der Performanz der ausgelieferten Produkte ist das Ergebnis sogar noch schlechter (nur 33,8 % sehen keine schwerwiegenden Fehler). Mehr dazu in diesem Heft auf S. 18.
Wenn dann Fehler vom Kunden gefunden werden, ist das der „worst case“.

Abbildung 1 Fehler nach Auslieferung der Produkte, Softwaretestumfrage 2024: GTB, HS Bremerhaven, TH Köln, TH Aschaffenburg, ATB
Und es gibt viele Gründe für Mängel: Die Testautomatisierung funktioniert nicht, Testfälle haben nicht die benötigte Qualität, die Testumgebung ist nicht stabil usw. Das hat schwerwiegende Folgen:
- Softwarefehler kosten Unternehmen Millionen
- Projekte scheitern
- Vertrauensverlust beim Kunden & Sicherheitsrisiken wirken sich negativ auf die Geschäftsmodelle aus
Geben wir also dem Testen weiterhin den nötigen Stellenwert? Offensichtlich besteht noch Handlungsbedarf für die zukünftigen Herausforderungen. Das sehen auch die Unternehmen, wie die Softwaretestumfrage zeigt.

Abbildung 2 Herausforderungen, Softwaretestumfrage 2024: GTB, HS Bremerhaven, TH Köln, TH Aschaffenburg, ATB
Was müssen wir tun, damit wir in Zukunft die benötigte Qualität liefern können?
Wir brauchen vor Allem die nötigen Kompetenzen, strukturierte Prozesse, ein gutes Team und die passenden Skills im Team selbst. Wichtig ist die teamübergreifende Koordination und dass die Organisation in der Lage ist, die Gesamtheit an benötigten Kompetenzen über die gesamte Organisation verteilt adäquat zur Verfügung zu stellen.
Was können wir also tun, um die benötigte Qualität liefern zu können? Diese Frage wollen wir nun mit dem GTB-„Berufsbild Testen“ genauer betrachten. Dieses Referenzschema wurde vom German Testing Board (GTB) 2022 als Ideengeber für ein sinnvolles und ganzheitliches Kompetenzmanagement im Bereich Test und Qualitätssicherung in Überarbeitung veröffentlicht.
Jede an der Entwicklung von Software beteiligte Person hat Fähigkeiten, die erlernt und angewendet werden, sei es im fachlichen oder sozialen Bereich.
Eine Organisation und seine Teams werden sich nur dann entwickeln und verbessern, wenn sie neben ihrer System- oder Produktvision auch ein aktives Team- und Kompetenzmanagement haben. Wesentlich ist die Planung: welche Aufgaben habe ich, welche Kompetenzen brauche ich und welche Positionen benötige ich? Mit z.B. Skillmatrixen und Checklisten kann hier das Berufsbild Testen durch Ideen und Strukturen unterstützen.
Die Aufgaben des Testens sind abhängig vom Testobjekt und seinen Anforderungen. Der Umfang der Anforderungen, die Komplexität der Lösung und die Anforderungen an die Testbarkeit bestimmen die Testaufgaben. Diese müssen sinnvoll strukturiert werden. Das Modell zeigt ausgehend von den grundsätzlichen Aufgaben des Testens, wie sich aus einer steigenden Komplexität eine notwendige Vertiefung bzw. Spezialisierung entwickelt.

Abbildung 3 Berufsbild Testen, GTB 2023
Ausgehend vom Kernprozess ‚Testen‘, der die grundlegenden Aufgaben umfasst, definiert das Modell die sogenannten Basispositionen:
- Test-Analysis (TA) mit den Kernaufgaben Testanalyse und Testentwurf, die einen Wissens- und Fertigkeitsschwerpunkt in den Bereichen Test, z. B. Testverfahren, Requirements Engineering und Domäne erfordert;
- Test-Engineering (TE) mit den Kernaufgaben Testrealisierung und Testdurchführung, die einen Wissens und Fertigkeitsschwerpunkt in den Bereichen Testen, IT-Struktur und Technologie erfordert;
- Test-Management (TM) mit den Kernaufgaben Testplanung, Testüberwachung und Teststeuerung, die einen Wissens- und Fertigkeitsschwerpunkt in den Bereichen Testen und Prozess erfordert;
Das sind die Kompetenzgrundlagen. Aber welche Kompetenzanforderungen wird uns die Zukunft bringen? Ein wichtiger Schwerpunkt in den Änderungen ist derzeit sicherlich in der Anwendung von Künstlicher Intelligenz zu sehen.
Die Zukunft der Testkompetenzen mit künstlicher Intelligenz
Die Anforderungen an den Test ändern sich durch KI, z.B. durch den Einsatz von KI in der Testautomatisierung. Nach der Softwaretestumfrage setzen momentan ca. 23% der Unternehmen KI bei der Testautomatisierung ein, 63% des Managements sehen hier ein Potential für die Zukunft.
Aber auch bei der Testfallerstellung könnte KI in Zukunft unterstützen. Hier sehen 55% des Managements ein entsprechendes Potential für die Unterstützung bei der Testfallerstellung. Auch der Unterstützung für die Testdatenerstellung durch KI wird ein hohes Potential zugewiesen (59%).
Wenn wir KI für diese verschiedenen Aufgaben einsetzen wollen, müssen wir uns aber auch mit einer entsprechenden Entwicklung der Skills und der Weiterbildung beschäftigen. Auch hier gibt es Ergebnisse aus der Softwaretestumfrage. 74% der Mitarbeiter:innen der befragten Unternehmen sehen für das Testen mit KI einen Weiterbildungsbedarf und 56% für das Testen von KI.
Aber welchen Weiterbildungsbedarf haben wir? Wir werden bei der Analyse der benötigten Skills, Kompetenzen einige Fragen beantworten müssen:
- Welchen Einfluss haben Regularien und Gesetzeswerke, wenn man KI für den Test nutzt?
- Wie ändert der Einsatz von KI die Randbedingungen für den Test, z.B. bei ASPICE 4.0?
- Welche speziellen Herausforderungen für die IT- Security werden durch KI erzeugt?
- Wie behandeln wir das Risikomanagement beim Einsatz der KI im Testen?
Und vieles mehr. Nicht nur, aber besonders bei Künstlicher Intelligenz müssen wir uns kontinuierlich den Entwicklungen anpassen. So wird das GTB wird Ende 2025/Anfang 2026 eine aktualisierte Fassung des ‚Berufsbild Testen‘ herausgeben, bei der die neuen Anforderungen an die benötigten Kompetenzen durch Künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle spielen werden.

Abbildung 4 Potential von KI für Testautomatisierung, Testfallerstellung, Testdatenerstellung, Softwaretestumfrage 2024: GTB, HS Bremerhaven, TH Köln, TH Aschaffenburg, ATB
Fazit
Testen wird auch in Zukunft wichtig sein, aber die Aufgaben des Prüfens und Testens werden sich ändern. Sie werden aber auch weiterhin effektiver und effizienter erledigt, wenn sie von kompetenten Personen (nicht nur Tester:innen, sondern z.B. auch Programmierer:innen, Product Owner) und in strukturierten Prozessen umgesetzt werden.
Da es dafür keine einfachen Antworten und Lösungen für jeden Kontext gibt, liefert das Referenzschema des GTB auch in Zukunft passende Ideen, Modelle und Strukturen, um Hilfestellung zu geben und auch die Bedarfe der Zukunft aufzuzeigen.
Für die Weiterentwicklung des Referenzschemas möchten wir auch gerne mit Ihnen diskutieren, z.B. bei Konferenzen bei denen das GTB vertreten ist (z.B. „QS-Tag“ in Frankfurt, „ASQF Quality Day“ in Berlin) oder bei unserer Meetup-Reihe „Test and Connect“, die wir dieses Jahr in verschiedenen Städten durchführen. Treffen Sie sich dort mit uns!
Über die Autoren
Dr. Armin Metzger ist promovierter Physiker mit langjähriger Erfahrung in der Qualitätssicherung von Software und Systemen vor allem in sicherheitskritischen Bereichen. Nach Positionen in der Projektarbeit, als Beratung und Trainer und in leitender Funktion beim Dienstleister sepp.med, engagiert er sich seit 2016 in der Gremienarbeit, seit 2018 als Geschäftsführer des German Testing Board e.V. Dort hat er sich die inhaltliche Weiterentwicklung sowie die Öffnung des Verbands für neue Zielgruppen und die Stärkung des Netzwerks mit Partnern zur Förderung des „Certified Tester“ in Deutschland zum Ziel gesetzt.
Dr. Erhardt Wunderlich ist u.a. Mitglied im ASQF, German Testing Board e.V. und arbeitet als freiberuflicher Testcoach. Gegenwärtig unterstützt er Firmen bei der Verbesserung von Testprozessen. Bis 2024 arbeitete er bei Alstom im Bereich Central Validation an dem Thema konzernweite Vereinheitlichung von „Tools and Processes“ für die Validierung von Schienenfahrzeugen. Herr Wunderlich hat über 30 Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung und im Softwaretest in verschiedenen Branchen und verschiedenen Rollen (u.a. Testmanager, Leiter einer Prüfstelle für Schienenfahrzeuge, Softwareentwickler).

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