Matthias Kirschner, Präsident der Free Software Foundation Europe (FSFE), kämpft seit vielen Jahren für digitale Souveränität und die Rechte von Entwicklern und Nutzern. Wir haben mit ihm über die Qualitätsaspekte Freier Software, Best Practices für Unternehmen und die Zukunft ethischer Softwareentwicklung gesprochen.

Herr Kirschner, viele Entwickler:innen arbeiten täglich mit Open-Source-Komponenten. Was bedeutet „Freie Software” – und worin liegt der Unterschied zu Open Source?

Freie Software garantiert vier grundlegende Freiheiten für alle:

  1. Verwenden: Freie Software darf von allen Menschen für jeden Zweck so lange genutzt werden, wie sie wollen.
  2. Verstehen: Der Quellcode darf von allen, ohne irgendwelche Vertraulichkeitsvereinbarungen oder ähnliche Einschränkungen analysiert werden.
  3. Verbreiten: Freie Software darf kostenfrei oder gegen Bezahlung kopiert und weitergegeben werden.
  4. Verbessern: Freie Software darf beliebig angepasst werden; diese Verbesserungen dürfen weitergegeben werden.

Fehlt eine dieser Freiheiten, ist eine Anwendung keine Freie Software. Man spricht dann von proprietärer Software.

„Open Source” wurde 1998 als Marketingbegriff für Freie Software eingeführt. Er bezeichnet die gleiche Software, legt den Schwerpunkt aber auf die Verfügbarkeit des Quellcodes. „Freie Software” hingegen hebt stärker die Selbstbestimmung von Menschen, Organisationen oder Unternehmen hervor. Also die Freiheit, über die eigene Technik frei verfügen zu können, in einer Welt, in der Software überall ist.

Führt die Offenheit des Quellcodes denn zu besserer Software?

Besser auf jeden Fall! Wenn ich eine Software entweder mit allen vier Freiheiten oder mit eingeschränkter Freiheit bekomme: Wer würde sich da für die unfreie Option entscheiden?

Bezüglich der Codequalität: Ja, gesamtgesellschaftlich trägt Freie Software definitiv zu besserem Code bei. Wer Quellcode von Software lesen kann, die wirklich produktiv eingesetzt wird, wird ein besserer Programmierer als jemand, der nur anhand theoretischer Beispiele lernt.

Wenn Menschen wissen, dass ihr Quellcode von vielen anderen gelesen werden wird, dann geben sie sich zudem in der Regel mehr Mühe, als wenn ihr Code vielleicht nur mal von Kolleg:innen aus der eigenen Firma gelesen wird. Weil der Quellcode auch oft öffentlich zugänglich ist, kann er von unabhängigen Dritten auf Sicherheitsprobleme überprüft werden. Findet diese Prüfung von Programmieren aus einer anderen Perspektive statt, erhöht das die Qualität der Software.

Freie Software in der Unternehmenspraxis

Welche rechtlichen und technischen Stolperfallen begegnen Entwicklungsteams, wenn sie Freie Software in kommerzielle Projekte integrieren wollen?

Der größte Stolperstein entsteht meist, wenn Teile der Software proprietär (unfrei) sein sollen. Dann muss man viele Schritte beachten und prüfen, ob und wie sich dieser Wunsch im Einzelfall umsetzen lässt. Will man ein Produkt verkaufen, dessen Software unter einer Freien-Software-Lizenz stehen soll, dann sind die Schritte nicht besonders kompliziert. Dazu gibt es viele Ressourcen, zum Beispiel auch eine FAQ auf https://fsfe.org/freesoftware/legal/faq.html.  

Wie können Unternehmen, die auf Freie Software setzen, einen gesunden Mittelweg zwischen wirtschaftlichen Interessen und Community-Ethos finden?

Wie genau man als Unternehmen vorgeht, ist immer eine strategische, auf der individuellen Situation basierende Entscheidung. Allerdings kann man die Art und Weise, wie sich ein Unternehmen in der Freien-Software-Bewegung verhält, nicht komplett von den wirtschaftlichen Interessen abgrenzen.

Wenn ein Unternehmen aktiv an Freie-Software-Veranstaltungen teilnimmt oder es den Menschen, die Bug-Reports, Feature-Requests, Übersetzungen, oder Pull-Requests einreichen, konstruktive Rückmeldungen gibt, stärkt das die Beziehung zur Community und macht die Firma attraktiver für qualifizierte neue Mitarbeitende.

Unternehmen, die einen Teil ihres Gewinns an Menschen oder Organisationen geben, deren Softwarekomponenten sie nutzen, gewinnen dabei oft wertvolle Einblicke in die Stärken oder auch potenzielle Schwächen ihres Produkts. Sie können dann nachbessern und das Produkt nachhaltig erfolgreich machen. Langfristig kann man nur wirtschaftlich erfolgreich sein, wenn man ein ausbalanciertes Geben und Nehmen mit anderen Akteuren erreicht. Egal, ob diese selbst wirtschaftlich agierende Unternehmen oder gemeinnützige Organisationen sind.

Entwicklerkultur und Qualität

Viele junge Entwickler:innen stehen vor der Frage, wie sie sich in Open-Source-Communities engagieren können, ohne dass es bloß unbezahlte Arbeit wird. Welche Strategien empfehlen Sie, um Motivation und berufliche Realität zu vereinen?

Meine Empfehlung für junge Menschen ist: Macht das, woran ihr Freude habt! Tüftelt, bastelt, experimentiert oder programmiert. Beteiligt euch an Projekten, von denen ihr lernen könnt. Saugt das Wissen ein. Sammelt Erfahrung und lernt mit echten Softwareprojekten den Unterschied zwischen Theorie und Praxis kennen.

Wenn ihr etwas schafft, was anderen hilft und euch Freude macht, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, in diesem Bereich beruflich Fuß zu fassen. Viele Unternehmen wollen Praxiserfahrung sehen. Arbeitgeber schätzen Engagement in Freie-Software-Initiativen gerade bei Berufseinsteigerinnen und -einsteigern. Es ist auch eine enorme Hilfe, sollte man selbst eine Firma gründen wollen.

Können Sie Beispiele nennen, wo sich technologische Exzellenz und Freiheitsprinzipien ideal ergänzen – also „guter Code“ auch gute gesellschaftliche Wirkung zeigt?

Das ist eine schwierige Frage. Es ist sehr subjektiv, was „gute gesellschaftliche Wirkung” genau bedeutet. Es gibt qualitativ hochwertige Freie Software, vom Betriebssystem für Supercomputer über den Browser bis zur Navigationssoftware für das Mobiltelefon.

Wir rufen immer dazu auf, am 14. Februar anderen Menschen in der Freien-Software-Bewegung für ihre Arbeit zu danken. Mein Vorschlag für die Leserinnen und Leser des SQ-Magazins lautet: Schaut, welcher Software dort gedankt wurde und warum. Ich bin mir sicher, dass ihr dabei Software finden werdet, die sowohl technologische Exzellenz als auch eine für euch gute gesellschaftliche Wirkung zeigt.  

Digitale Souveränität und Zukunft

Die FSFE setzt sich für Freie Software in Bildung und öffentlicher Verwaltung ein. Warum ist das nicht nur eine Kostenfrage, sondern auch eine Frage der Softwarequalität und Nachhaltigkeit?

Für eine demokratische Gesellschaft, in der Technik mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, ist es wichtig, dass Menschen Software verstehen und an ihre Bedürfnisse und an die Bedürfnisse anderer anpassen können.

Wir wenden uns gegen künstliche Barrieren, die verhindern, dass junge Menschen die Technik um sich herum begreifen. Wenn eine Jugendliche verstehen will, wie ein Gerät funktioniert, sollte die einzige Hürde sein, wie viel Zeit und Energie sie aufbringen kann; aber nicht technische oder rechtliche Hürden, die das Lernen verhindern.

Weiterhin wollen wir, dass die nächste Generation sich Gedanken darüber macht, wie Software in unserer Gesellschaft eingesetzt wird, wer Macht über Technik hat, welche große Verantwortung mit der Entwicklung und Erstellung von Technik verbunden ist, und wie man mit dieser Verantwortung umgehen kann. Bei den Lesungen unseres Buchs „Ada und Zangemann – ein Märchen über Software, Skateboards und Himbeereis“ in Grundschulen oder Bibliotheken sehen wir: Diese Fragen treiben auch schon viele Kinder um. Wenn wir in einer Welt leben möchten, in der Technologie unserer Gesellschaft hilft, dann müssen wir die nächste Generation befähigen, diese Technologie zu gestalten.

Was ist Freie Software?

Freie Software und Open Source sind Begriffe für die gleiche Software, sie unterscheiden sich aber in der Motivation: Open Source fokussiert auf bessere Entwicklungsmethoden, Freie Software auf Nutzerfreiheit. Die vier Grundfreiheiten geben allen das Recht, die Software für jeden Zweck zu verwenden, zu verstehen, zu verbreiten und zu verbessern. Der Unterschied liegt in der Wertehaltung – nicht im Code.

Über Matthias Kirschner:

Matthias Kirschner ist seit 2009 Präsident der Free Software Foundation Europe (FSFE). Der studierte Politik- und Verwaltungswissenschaftler engagiert sich seit 2004 für Freie Software und berät Unternehmen sowie die öffentliche Verwaltung bei Qualitäts- und Lizenzfragen rund um Freie Software. Als gefragter Experte für digitale Souveränität war er Sachverständiger im Bundestag und sitzt in Advisory Boards verschiedener Open-Source-Organisationen. Außerdem verfasste Kirschner das Buch „Ada & Zangemann – Ein Märchen über Software, Skateboards und Himbeereis”, mit dem er bereits Kindern ab 6 Jahren den selbstbestimmten Umgang mit Technik näherbringt