Die nachhaltige Verankerung von Open Source in einem Unternehmen ist keineswegs ein rein technisches Projekt. Vielmehr handelt es sich um einen ganzheitlichen Prozess, der technische, organisatorische, rechtliche und kulturelle Aspekte einschließt und maßgeblich durch die unternehmenseigenen Werte, die Bereitschaft zur Kollaboration und die strategische Ausrichtung geprägt wird.
Die Rolle der Community und Unternehmenskultur
Die Community spielte eine zentrale Rolle bei der erfolgreichen Einführung von TestLink. Sie stellte nicht nur Dokumentationen und Best Practices bereit, sondern bot auch Hilfe bei technischen Fragen.
Ebenso wichtig war die Unternehmenskultur:
- Eine offene Fehlerkultur erleichterte die Einführung neuer Testprozesse.
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Entwicklung, Fachbereichen und Qualitätssicherung förderte die Akzeptanz.
- Die Bereitschaft, Wissen zu teilen, führte zu einer lebendigen Test-Community, die TestLink aktiv nutzte und gemeinsam mit mir weiterentwickelte.
Ohne diese kulturelle Basis wäre die Integration kaum möglich gewesen.
Die nachhaltige Verankerung von Open Source in einem Unternehmen gelingt nur, wenn die organisatorische und kulturelle DNA dies aktiv mitträgt und fördert. Bei mir ist die Offenheit für Open Source tief verwurzelt und bildet zusammen mit kollaborativer Arbeitsweise und ausgeprägtem Qualitätsbewusstsein die Grundlage für Innovation.
Offenheit bedeutet in diesem Zusammenhang konkret die Bereitschaft, neue Lösungen unabhängig von deren Herkunft (kommerziell vs. Open Source) objektiv zu bewerten und die Vorteile quelloffener Software (Flexibilität, Kostenersparnis, Community) zu erkennen und zu nutzen. Gerade in der IT-Dienstleistungsbranche, in der Innovationstempo und Agilität über Wettbewerbsfähigkeit entscheiden, ermöglicht Open Source einen schnellen Wissensaustausch, hohe Anpassungsfähigkeit und die Schaffung individueller Lösungen für spezifische Use Cases.
Die kollaborative Arbeitsweise manifestiert sich vor allem in interdisziplinären Projektteams, die domänenübergreifend zusammenarbeiten und ihr Erfahrungswissen offen teilen.
Ein zentrales Element der Unternehmenskultur ist das ausgeprägte Qualitätsbewusstsein. Neben Zertifizierungen wie IREB CPRE und ISTQB® Certified Tester etablierte ich schnell eine TestLink-Schulung mit vielen praxisnahen Übungen. Zudem werden Qualitätsinitiativen durchgängig gelebt, beginnend beim Anforderungsmanagement bis hin zur Dokumentation und Nachverfolgung im Testmanagement. TestLink als Open Source Tool zur Rückverfolgbarkeit und Berichterstattung zahlt direkt auf diesen Fokus ein.
Nicht zuletzt ist die Bereitschaft, aus der Open Source Welt zu lernen und eigene Beiträge zurückzuspielen, ein wichtiger Erfolgsfaktor.
Rechtliche und organisatorische Stolpersteine
Die Einführung von Open Source Software ist nicht frei von Risiken. Folgende Aspekte müssen berücksichtigt werden:
- Lizenzrecht: TestLink steht unter der GPL-Lizenz. Eine sorgfältige Prüfung stellte sicher, dass keine Konflikte mit Lizenzrichtlinien entstehen.
- Datenschutz: Da TestLink Testdaten und ggf. personenbezogene Informationen speichert, ist eine DSGVO-konforme Nutzung sicherzustellen.
- Organisatorische Integration: Die Einführung erfordert klare Rollen (Testmanager, Tester, Administratoren, usw.) und eine Anpassung bestehender Prozesse, um Redundanzen zu vermeiden.
Diese Stolpersteine konnten durch Einbindung des Datenschutzes, der IT-Administration sowie Testmanager und durch klare Prozessdefinitionen überwunden werden.
Best Practices: Inspiration durch Community und Unternehmen
Die Einführung des Open Source Testmanagementtools TestLink profitiert enorm von der Fülle an praxisbewährten Best Practices, die sowohl von der Community als auch Unternehmen bereitgestellt werden.
Technisch-organisatorische Best Practices
- Iterative Einführung mit Pilotprojekten: Die Integration mit überschaubaren, repräsentativen Projekten starten. Dies reduziert etliche Risiken und bietet Gelegenheiten zum Early Feedback.
- Schnittstellenstandardisierung: Die REST API für die Anbindung an CI/CD-Pipelines, Automatisierungs-Frameworks und Issue-Tracker wie Jira oder Redmine nutzen. Das minimiert Medienbrüche und verbessert die Tool-Chain-Integration.
- Konsequente Dokumentation: Etablieren klarer Richtlinien hinsichtlich Testfallbeschreibung, Versionierung und Reporting. Export- und Importfunktionen, strukturierte Metadaten sowie die Nutzung von Custom Fields und Traceability-Matrix sind zu empfehlen.
- Upstream-Contributions & nachhaltige Wartung: Ergänzen der eigenen Verbesserungen konsequent im Hauptprojekt oder den relevanten Plugins, um langfristige Wartbarkeit (sowie Security-Fixes) zu gewährleisten.
- Schulungen: Nutzen von Schulungsangeboten und Dokumentationen sowie Tutorials und Video-Tutorials. Dies senkt die Einarbeitungshürden und fördert den Kompetenzaufbau.
Prozessuale Best Practices
- Schrittweise Migration mit klaren Backup-Strategien: Um Datenverluste und Regressionen zu vermeiden, erfolgte die Migration bestehender Testdaten und Projekte gestaffelt und mit Rollback-Optionen.
- Verbindung von TestLink mit explorativem und anforderungsbasiertem Testen: Methoden wie exploratives Testen erlauben es, unabhängig von der Qualität der Anforderungsspezifikation fundierte Tests durchzuführen, etwa als Last-Minute Änderungen auftraten oder User Stories unklar waren.
Best Practices aus Fachartikeln und Branchenstudien
- Bitkom Open Source Monitor und Studien von PwC betonen, dass Unternehmen, die eine offene Open Source Strategie verfolgen, sowohl Innovationsgeschwindigkeit als auch digitale Souveränität erfolgreich steigern können.
Mein Tipp: Compliance von Anfang an berücksichtigen und klar definierte Policies implementieren.
- Praxisbeispiele aus der öffentlichen Verwaltung zeigen, dass Nachhaltigkeit durch Upstream-Veröffentlichungen und die Verpflichtung zur Rückgabe nach „Public Money, Public Code“-Prinzip, wie von der Open Source Business Alliance (OSBA) gefordert, abgesichert werden.
- Diverse Studien und Marktvergleiche belegen, dass die Investitionen in Open Source (auch personell) langfristig Gesamtkosten für Entwicklung und Wartung – sofern Know-how-Transfer und Community-Beteiligung gesichert sind – reduzieren.
Aufgaben und Impulse des Product Owners (PO)
Als PO für das Anforderungs- und Qualitätsmanagement verantworte ich u.a. die kontinuierliche Verbesserung bestehender Prozesse und die Auswahl sowie Weiterentwicklung passender Werkzeuge. Bei der TestLink-Integration manifestierte sich meine Rolle auf mehreren Ebenen.
Schnittstelle zwischen Business und Technik
Zu meinen Aufgaben gehört es, die Anforderungen aller Stakeholder aufzunehmen, zu priorisieren und in einen produktiven Backlog zu überführen. Durch das Evaluieren der von TestLink bereitgestellten Standardfunktionen und meiner langjährigen Projekterfahrung konnte ich notwendige Erweiterungen und Optimierungen identifizieren.
Treiber für kollaboratives Testmanagement
Meine Verantwortung lag nicht nur in der fachlichen Steuerung, sondern auch darin, für Akzeptanz zu werben, Multiplikatoren zu bestimmen und teamübergreifende Best Practices zu verankern. Das umfasste die Organisation von Workshops sowie die Formulierung von Trainingsmaterialien.
Strategische Erweiterung: TestLink-Plugin
Ein Highlight meiner Tätigkeit als PO ist die erfolgreiche Entwicklung und Einführung des TestLink Plugins für exploratives Testen sowie die Integration eines Schritt-Rekorders (ISR).

Abbildung 1: TestLink - Test-Charta
Das Plugin für den explorativen Test im Zusammenspiel mit dem ISR erweitert TestLink um folgende Funktionen:
- Erfassen und Verwalten von Test-Chartas: Name, Akteur, Zweck, Priorität, Setup, Testdaten, Referenzen, Aktivitäten, Orakel-Notizen, Variationen und Dateianhänge werden an der Explorationssitzung hinterlegt.
- Effiziente Dokumentation von Testläufen: Während der Tests, die einer Test-Charta zugewiesen werden können, werden sämtliche Benutzeraktionen (Mausklicks, Tastatureingaben) mittels ISR automatisch protokolliert. Dadurch bleibt der Fokus auf das Testing erhalten und der manuelle Dokumentationsaufwand sinkt erheblich.
- Reproduzierbarkeit und Rückverfolgbarkeit: Sämtliche Testaktivitäten werden über den ISR gespeichert, wodurch Abweichungen für die spätere Regression voll nachvollziehbar werden.
- Nachvollziehbarkeit: Screenshots und Schrittfolgen werden revisionssicher als PDF-Datei in TestLink integriert.
Die Kombination aus Plugin und ISR führte zu einer deutlichen Qualitätssteigerung, da explorative Tests nun denselben Dokumentations- und Nachvollziehbarkeitsgrad erreichten wie klassische Tests.

Abbildung 2: SchrittRekorder Integration in TestLink
Technische Integration
Open Source verlangt eine reibungslose technische Integration in bestehende Systemlandschaften sowie die Absicherung dauerhafter Wartbarkeit und Modernisierung.
REST API, CI/CD und Automatisierung
TestLink bietet durch die REST API und verfeinerte Schnittstellenanpassungen weitreichende Möglichkeiten, Testmanagement nahtlos in CI/CD-Pipelines und Testautomatisierungs-Frameworks einzubetten. Die CRUD-Operationen (Create, Read, Update, Delete) erlauben es, Projekte, Anforderungen, Testfälle, Builds und Testausführungen programmatisch zu steuern oder die Ergebnisse automatisierter Tests (etwa aus Selenium) zurückzuschreiben.
Vergleich: Open Source vs. kommerzielle Tools
Open-Source Lösungen erfordern mehr initiale Eigenleistung (Installation, individuelle Integrationen), bieten dafür aber Kostenersparnisse und hohe Flexibilität. Kommerzielle Tools locken mit Support und Out-of-the-Box-Integrationen, verlangen aber zumeist höhere Gesamtbetriebskosten und fördern weniger Eigenkompetenz im Unternehmen.
Change Management und Anwenderakzeptanz
Die Einführung von TestLink – oder eines beliebigen Open Source Tools – ist nie ein rein technischer Change. Der Wandel betrifft immer Abläufe, Rollenverständnis und Kultur. Die Maßnahmen im Zuge des Change Managements entscheiden häufig über Gelingen oder Scheitern der Projekteinführung.
Erfolgsfaktoren im Change Management
- Stakeholder-Analyse und frühe Kommunikationsstrategie: Bereits vor der Auswahl sollten alle betroffenen Personengruppen (Entwicklung, Test, Datenschutz usw.) informiert, beteiligt und regelmäßiges Feedback sichergestellt werden.
- Pilotierung und Multiplikatoren: Kleine, „sichere“ Pilotprojekte schaffen schnelle Erfolgserlebnisse. Key-User agieren als Multiplikatoren und begleiten die Folgeprojekte.
- Iterative Einführungsstrategie mit Schulung: Kontinuierliche Trainings und Dokumentationen senken die Akzeptanzbarriere signifikant.
- Offene Fehlerkultur: Change Management lebt von Empathie: Feedback-Runden, „Perfection Game“-Formate und eine offene Fehlerkultur beschleunigen die Adaption neuer Arbeitsweisen und kontinuierliche Verbesserung.
Barrieren und Gegenmaßnahmen
Widerstände resultieren meist aus Unwissenheit, mangelnder Einbindung oder ungenügend kommunizierten Mehrwerten. Andere Barrieren sind fehlende Integration in bestehende Systeme, zu hoher initialer Aufwand oder ungeklärte Support-Fragen. Hiergegen helfen kluge Kommunikationsstrategien, strukturierte Pilotphasen und die fortlaufende Anpassung von Workflows und Templates an die tatsächlichen Bedürfnisse der Anwender.
Fazit und Ausblick
Die Einführung von TestLink zeigt, dass Open Source Lösungen nicht nur eine kostengünstige, sondern auch eine nachhaltige Alternative zu kommerziellen Tools darstellen. Entscheidend für den Erfolg waren die Unterstützung der Community, eine offene Unternehmenskultur sowie die methodische Fundierung durch z. B. IREB CPRE und ISTQB®.
Die Chance Open Source selbst gut erweitern zu können, hat TestLink für mich zu einem vollwertigen Testmanagementtool gemacht – und hebt damit die Qualitätssicherung im Unternehmen auf ein neues Niveau.
Über den Autor:
Sören Schmock ist seit Anfang der 2000er Jahre in Projekten im IT-Umfeld tätig und deckt viele Fragestellungen im Anforderungs- und Qualitätsmanagement ab. Beruflich ist er in seinen Kundenprojekten für die Prozessoptimierung, Anforderungserhebung, sowie Planung und Durchführung von Test- und Qualitätssicherungsmaßnahmen verantwortlich. Als Product Owner ´Anforderungs- und Qualitätsmanagement` steht für ihn die Maximierung seiner Consulting- und Softwareprodukte, der Ausbau des Schulungsportfolios (IREB und ISTQB®, Testmanagementwerkzeuge und mehr) sowie die Umsetzung von Marktbedürfnissen in neue Produkte im Vordergrund.

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