Was sind eigentlich Testschulen – und warum solltet Ihr sie kennen?

In der Welt des Softwaretestens gibt es viele Meinungen, Methoden und Ansätze – manchmal führt das zu fruchtbaren Diskussionen, manchmal zu hitzigen Debatten. Aber woran liegt das eigentlich?
Ein möglicher Schlüssel zum Verständnis: Testschulen.

Der Begriff „Schule“ meint hier eine Denk- oder Herangehensweise, die von gemeinsamen Werten, Zielen und Techniken geprägt ist – ähnlich wie in der Wissenschaft oder Kunst. Die Klassifizierung auf Schulen kann bei Meinungsverschiedenheiten helfen, indem eine Diskussionsgrundlage geschaffen wird. Denn unterschiedliche Wertvorstellungen können erklären, warum wir unterschiedliche Strategien bevorzugen.

Der Softwaretest-Experte Bret Pettichord hat in seinem einflussreichen Paper fünf solche „Schulen“ identifiziert, die unser Denken über Qualität und Testen prägen.

Mit dieser Blogreihe möchten wir die fünf klassischen Testschulen vorstellen und gehen den Fragen nach, was die einzelnen Schulen ausmacht und wo sie sich unterscheiden.

Darüber hinaus beschäftigt sich diese Reihe final mit der „Schule“ des Modern Testing, die aus dem AB Testing Podcast von Alan Page und Brent Jensen hervorgegangen ist.

Dieser Artikel ist entstanden aus dem Vortrag „Guardians of Quality: Eine Reise durch die Schulen der Test-Galaxien“ von Georg Haupt bei den Software Quality Days 2025.

Modern Testing: Qualität fördern statt Fehler finden

Modern Testing ist keine klassische „Testschule“, sondern eher ein Paradigmenwechsel. Entstanden aus dem gleichnamigen Podcast von Alan Page und Brent Jensen, stellt Modern Testing viele bisherige Überzeugungen auf den Kopf – und geht konsequent einen Schritt weiter: Weg vom Testen als Tätigkeit, hin zur Förderung von Qualität durch Empowerment.

Modern Testing ist ein Framework mit sieben Prinzipien, das die Rolle von Testenden komplett neu denkt. Die zentrale Idee: Testen ist nicht (mehr) die Aufgabe einer bestimmten Person oder Abteilung – alle im Team sind für Qualität verantwortlich.

Die sieben Kernprinzipien 2.0:

  1. Die Verbesserung des geschäftlichen Nutzens steht im Mittelpunkt.
    Testen und Qualitätssicherung sollen dazu beitragen, den Erfolg des Unternehmens nachhaltig zu steigern.
  2. Modelle wie Lean Thinking und die Theory of Constraints helfen dabei, Engpässe im System zu erkennen, zu priorisieren und zu beheben.
    Der Blick gilt dem Gesamtsystem – nicht nur dem Produkt oder einzelnen Prozessen.
  3. Statt sich auf Sicherheitsnetze zu verlassen, liegt der Fokus auf kontinuierlicher Verbesserung und dem aktiven Anpassen von Praktiken.
    Fehlervermeidung entsteht durch Lernen und Optimierung – nicht durch Kontrolle im Nachhinein.
  4. Eine reife Qualitätskultur innerhalb des Teams wird bewusst gefördert.
    Dazu gehört es, das Team durch Coaching und Leadership zu unterstützen und gemeinsames Qualitätsbewusstsein aufzubauen.
  5. Nur die Kund:innen können die tatsächliche Qualität eines Produkts bewerten.
    Ihr Feedback und ihre Zufriedenheit sind entscheidend für die Beurteilung des Produkterfolgs.
  6. Daten werden umfassend genutzt, um das Kundenverhalten zu verstehen und Lücken zwischen Produktannahmen und dem realen Geschäftswert zu schließen.
    Entscheidungen basieren auf fundierten Erkenntnissen statt auf Intuition.
  7. Fähigkeiten und Wissen werden im gesamten Team aufgebaut und verteilt.
    So entsteht eine breite Qualitätskompetenz, die die Abhängigkeit von spezialisierten Rollen deutlich reduziert oder sogar überflüssig macht. [1]

Das Mission Statement des Modern Testing lautet: „ Beschleunigt das Erreichen von versendbarer Qualität“

Die Haltung dahinter

Modern Testing nimmt viele Ideen der Agile School auf, geht aber noch weiter: Testen ist kein separater Prozess, sondern eingebettet in Produktentwicklung, UX, DevOps und Kundendialog. Das Ziel ist nicht mehr, möglichst viele Fehler zu finden – sondern zu helfen, dass möglichst wenig Fehler überhaupt entstehen.

Testexpert:innen werden zu Facilitators bzw. Coaches oder Enabler: Sie unterstützen Teams beim Lernen, bringen Impulse ein, fördern Automatisierung – und sind Sparringspartner:innen, nicht Gatekeeper.

Vorteile

  • Starke Fokussierung auf den Kundennutzen
  • Fördert echte Teamverantwortung für Qualität
  • Unterstützt selbstorganisierte Teams und moderne Delivery-Modelle
  • Sehr anschlussfähig an DevOps, Lean, Continuous Delivery

Kritikpunkte

Modern Testing ist nicht für alle Umgebungen geeignet – vor allem in stark regulierten Bereichen braucht es oft mehr Dokumentation, Nachvollziehbarkeit und dedizierte Testrollen. Außerdem ist das Modell anspruchsvoll in der Umsetzung: Es erfordert reife Teams, Vertrauen und breite Testkompetenz im gesamten Entwicklungsteam.

Und: Manche kritisieren, dass es sich weniger um „Testing“ als um „Teamkultur“ handelt – der Name sei irreführend.

Fazit

Modern Testing ist ein zukunftsorientierter Ansatz für Teams, die selbstorganisiert, datenbasiert und kundenfokussiert arbeiten möchten – ohne klassische Rollengrenzen. Tester:innen werden zu Enablern, Datenanalyst:innen und Coaches, die den Impact der Software mitgestalten – ohne ständige Kontrolle, sondern durch Vertrauen, Transparenz und Zusammenarbeit. Dies funktioniert in Unternehmen, die Testen nicht als Qualitätssicherung nachgelagert, sondern als integralen Bestandteil moderner Produktentwicklung verstehen. Dieser Ansatz funktioniert besonders gut in modernen Produktteams, die Verantwortung teilen und datenbasiert arbeiten. Er ist jedoch kein Plug-and-Play-Modell: Modern Testing erfordert Reife, Reflexion und eine offene Teamkultur. Wer diese Transformation schafft, verlagert Testen von der Prüfstation zum strategischen Hebel für nachhaltigen Unternehmenserfolg.

[1] Siehe https://www.moderntesting.org/