Immer wieder wird gefragt: Hat Testing in modernen Entwicklungsansätzen wie Agile, DevOps oder Continuous Delivery überhaupt noch eine Zukunft? Schließlich scheinen Qualitätssicherungsmethoden immer mehr in den Entwicklungsprozess integriert zu sein. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: ohne gezieltes, strukturiertes Testing bleibt Software auch künftig fehleranfällig – mit teuren und langfristigen Konsequenzen.
In Zeiten zunehmender Digitalisierung und kontinuierlicher Softwareentwicklung gewinnt die Testautomatisierung weiter an Bedeutung. Dennoch stoßen viele gängige Lösungen an ihre Grenzen: Sie sind aufwändig in der Wartung, schwer verständlich für Fachanwender und wenig flexibel bei der Anpassung an komplexe Systeme.
Dieser Artikel zeigt, wie eine richtig strukturierte Testautomatisierung helfen kann, Qualität, Effizienz und Zukunftssicherheit zu verbinden.
Fehler – warum sie trotz aller Fortschritte nicht verschwinden
Die Vorstellung von nahezu fehlerfreier Software ist nicht mehr als ein Wunschtraum – und wird es auf absehbare Zeit bleiben. Dafür gibt es im Lebenszyklus eines Softwareprodukts mehrere Gründe:
- Komplexität: Anwendungen bestehen heute aus Hunderten Modulen, Schnittstellen und externen Abhängigkeiten. Mit jedem neuen Baustein steigt die Fehleranfälligkeit. Jede neue Schnittstelle bringt potenzielle Fehlerquellen mit sich.
- Große Teams: In großen Projekten arbeiten oft Dutzende oder Hunderte Entwickler parallel. Jeder optimiert seinen eigenen Baustein – aber das große Ganze geht leicht verloren. Fehler entstehen oft nicht nur durch einzelne Programmfehler, sondern durch unerwartetes Zusammenspiel zwischen Modulen.
- Frameworks: Frameworks wie Angular, Spring oder Flutter erleichtern die Entwicklung, ermöglichen es aber auch weniger erfahrenen Entwicklern, komplexe Systeme zu bauen. Einerseits sinken dadurch die Entwicklungskosten, gleichzeitig steigt jedoch das Risiko, dass Fehler durch mangelhafte Erfahrung entstehen, insbesondere wenn Frameworks nur oberflächlich verstanden werden.
- Fehlerhafte Frameworks: Frameworks und Bibliotheken sind ebenfalls Software – und enthalten eigene Fehler. Gerade bei Updates oder neuen Versionen können Kompatibilitätsprobleme oder neue Bugs entstehen.
- Zeitdruck: Das Streben nach Agilität und Time-to-market zwingt Unternehmen, Software schneller denn je auf den Markt zu bringen. Features, Bugfixes und Hotfixes werden oft innerhalb weniger Tage ausgeliefert. Unter diesen Umständen steigt das Fehlerrisiko zusätzlich.
Testautomatisierung: Pflicht, keine Option
Fehler, die erst spät im SW-Entwicklungsprozess oder nach dem Live Gehen der Software entdeckt werden, haben weitreichende Folgen:
- Kosten: Produktionsfehler verursachen Umsatzverluste, Vertragsstrafen, Supportkosten und Notfallaufwände. Studien zeigen: Ein Fehler in der Produktion kann bis zu 100-mal teurer sein als in der Entwicklung.
- Vertrauensverlust: Fehlerhafte Software beschädigt die Beziehung zu Kunden nachhaltig und kann zu langfristigen Reputationsschäden führen.
- Regulatorische Risiken: In regulierten Branchen (Finanzen, Medizin, Automotive) können Fehler die Zulassung verhindern bzw. gefährden, hohe Bußgelder oder Haftungsansprüche nach sich ziehen.
Eine frühzeitige Fehlererkennung ist daher betriebswirtschaftlich und rechtlich zwingend notwendig.
Angesichts der steigenden Komplexität und der hohen Änderungsdynamik von Software (ständig neue Releases, Hotfixes) ist eine umfassende Testautomatisierung unverzichtbar geworden. Manuelles Testen reicht nicht mehr aus denn:
- Die Testmengen sind zu groß,
- Die Entwicklungs- und Testzyklen sind zu kurz,
- Die Anforderungen an Qualitätssicherung sind zu hoch.
Automatisiertes Testen ist deshalb heute kein „nice to have“, sondern eine absolute Notwendigkeit.
Warum Testautomatisierung anspruchsvoll ist
Automatisierung ist kein Selbstläufer – sie bringt eigene Herausforderungen mit sich:
- Entwicklung und Pflege: Automatisierte Tests müssen genauso sorgfältig konzipiert und entwickelt werden wie produktive Software.
- Änderungsanfälligkeit: Schon kleine Änderungen an der Oberfläche oder Struktur der Anwendung können Hunderte Tests zum Scheitern bringen, wenn Tests zu stark auf Details angewiesen sind.
- Unrealistische Erwartungen: Wer glaubt, Testautomatisierung funktioniere ohne Architektur und Wartung „von selbst“, irrt sich.
Marktübliche Testautomatisierungslösungen im Überblick
Im heutigen Markt lassen sich zwei dominierende Ansätze im Bereich der Testautomatisierung unterscheiden: softwaregesteuerte Lösungen und behavior-getriebene Ansätze.
Softwaregesteuerte Lösungen wie UFT, Selenium oder Playwright interagieren direkt mit der Benutzeroberfläche, indem sie Klicks ausführen, Eingaben tätigen und Daten auslesen. Diese Vorgehensweise bringt jedoch einige Herausforderungen mit sich. So sind Testlogik, Datenverwaltung und Ausführung oft eng miteinander verzahnt, was die Wiederverwendbarkeit erschwert. Jeder neue Testfall muss individuell programmiert werden, was zeit- und ressourcenintensiv ist. Darüber hinaus führen selbst kleine Änderungen an der Benutzeroberfläche häufig zu erheblichem Wartungsaufwand.
Dem gegenüber stehen behavior-getriebene Lösungen wie Cucumber, Gauge oder Serenity, bei denen Tests in einer für Fachabteilungen verständlichen Sprache wie Gherkin beschrieben werden – typischerweise nach dem Muster: „Gegeben sei… Wenn… Dann…“. Diese semantisch klaren Formulierungen erleichtern die fachliche Kommunikation. Allerdings zeigen sich auch hier Schwächen in der technischen Umsetzung: Die eigentliche Teststeuerung ist meist nicht leistungsfähig genug, und es mangelt an strukturierten Schnittstellen zur zuverlässigen technischen Ausführung.
Anforderungen an moderne Testautomatisierung
Welche Anforderungen müssen wir eigentlich an eine moderne Testautomatisierung stellen? Nach unseren Erfahrungen sollten nachhaltige Lösungen folgendes mit sich bringen. Sie sollten:
- wartungsarm und flexibel sein,
- Fachlichkeit von der technischen Umsetzung trennen,
- Testdaten und Testfälle flexibel verwalten,
- moderne Technologien zuverlässig unterstützen,
- und klare, verständliche Testergebnisse liefern.

Abbildung 1 Die 3 Komponenten im Software gesteuerten Ansatz, eigene Darstellung
Um die eben genannten Anforderungen zu erfüllen, muss bereits in der Architektur begonnen werden. So sollte ein Testautomatisierungs-Framework klar an einer stabilen Struktur ausgerichtet werden. Basierend auf unseren langjährigen und zahlreichen Projekterfahrungen muss ein zukunftsfähiges Testautomatisierungs-Framework drei klar getrennte Bestandteile haben:
- Gehirn:
Steuert intelligent die Testabläufe, verwaltet die Testdaten unabhängig von Abläufen und sorgt für Wiederverwendbarkeit aller Komponenten.
Es entscheidet intelligent, was wann und in welcher Reihenfolge getestet werden soll – unabhängig von der konkreten technischen Umsetzung der verwendeten Hände. - Wirbelsäule:
Eine Sammlung von klar definierten Schnittstellen (Interfaces) zwischen Gehirn und Händen.
Sie ermöglicht eine saubere Trennung und flexible Kommunikation, sodass das Gehirn ohne Kenntnisse technischer Details von eingesetzten Händen/Augen agieren kann. - Hände/Augen:
Setzen einzelne technische Aktionen um, z. B. Klicks, Eingaben, Auslesen von Informationen. Dies können beliebige Ausführungswerkzeuge (z. B. UFT, Selenium, Playwright) sein, sie werden als modulare austauschbare Komponenten zu dem System zugeschaltet.
Darstellung und Vergleich von Ansätzen
In den verschiedenen Ansätzen der Testautomatisierung stehen die drei eben genannten zentralen Komponenten – also fachliche Logik („Gehirn“), Teststeuerung („Wirbelsäule“) und Ausführungsebene („Hände“) – in sehr unterschiedlicher Beziehung zueinander.
Beim softwaregesteuerten Ansatz besteht eine direkte und starre Verbindung zwischen der Testautomatisierung und der zu testenden Software. Für jeden Testfall müssen sowohl die fachliche Logik als auch die technischen Abläufe neu entwickelt werden – ein zeitaufwändiger und fehleranfälliger Prozess.
Im behavior-getriebenen Ansatz findet zwar eine sprachliche Vereinfachung statt, indem fachliche Anforderungen in natürlicher Sprache (z. B. Gherkin) formuliert werden. Doch in der Tiefe bleibt die „Testintelligenz“ oft zu schwach ausgeprägt, und es fehlt an einer tragfähigen technischen Steuerung – die „Wirbelsäule“ des Systems. In der Praxis wird die Trennung zwischen fachlicher, technischer und operativer Ebene häufig vernachlässigt, was zu instabilen und schwer wartbaren Testsystemen führt.

Abbildung 2 Die 3 Komponenten im behavior getriebenen Ansatz, eigene Darstellung
Ausgehend von den vorhergehenden Ansätzen haben wir nun einen Best-Practice-Ansatz verfolgt. In diesem gibt es nun eine konsequente Trennung zwischen den drei Schichten: Das „Gehirn“ (fachliche Logik), die „Wirbelsäule“ (strukturierte Steuerung) und die „Hände“ (technische Ausführung) sind klar voneinander abgegrenzt. Diese Architektur bringt zahlreiche Vorteile mit sich:
- Stabilität, da Änderungen an der getesteten Software nicht sofort die Teststruktur gefährden.
- Effizienz, weil Fachabteilungen und Technik unabhängig voneinander arbeiten können.
- Flexibilität, durch einfache Anpassungsmöglichkeiten bei geänderten Anforderungen.
- Verständlichkeit, da die Testergebnisse auch für Fachanwender nachvollziehbar bleiben.
- Und nicht zuletzt Technologieoffenheit: Es können beliebige „Hände“ in das System eingebunden werden, wodurch sich unterschiedlichste Softwarearten automatisiert testen lassen.

Abbildung 3 Die 3 Komponenten im Best-Practice-Ansatz, eigene Darstellung
Fazit
Damit haben wir also gezeigt, warum wir weiterhin nicht auf automatisierte Softwaretests verzichten können. Testing und Testautomatisierung sind eben kein Auslaufmodell – es ist die Voraussetzung für eine auch zukünftig erfolgreiche Softwareentwicklung. Schließlich steigen mit der wachsenden Komplexität moderner Systeme und der zunehmenden Geschwindigkeit von Entwicklungszyklen auch die Anforderungen an Testprozesse. Manuelle Tests stoßen dabei schnell an ihre Grenzen – sowohl in Bezug auf Effizienz als auch auf Verlässlichkeit.
Eine moderne Teststrategie verlangt dabei nach einem strukturierten, intelligenten Aufbau: Nur wenn fachliche Logik („Gehirn“), technische Steuerung („Wirbelsäule“) und Ausführungsebene („Hände“) klar getrennt und zugleich flexibel miteinander kombiniert werden, entstehen Testsysteme, die langfristig wartbar, effizient und anpassungsfähig bleiben.
Der von uns entwickelte Ansatz, basierend auf erprobten Best Practices, verfolgt genau diese Philosophie und bildet eine robuste Grundlage für das Testing und die Testautomatisierung.
So wird Testautomatisierung nicht zur Last, sondern zum echten Innovationstreiber in der Softwareentwicklung – heute und in Zukunft.
Über den Autor
Yuriy Sapozhnikov ist Executive Consultant für Softwareentwicklung, Systemarchitektur und Testautomatisierung bei CGI. Er ist Lead Developer und Architekt des CGI Test Automation Frameworks und unterstützt den Ansatz des Tools in diversen Kundenprojekten unter anderem bei führenden deutschen Versicherungsunternehmen.

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